Expansionismus Europas: Seine italienischen Anfänge im Spätmittelalter


Expansionismus Europas: Seine italienischen Anfänge im Spätmittelalter
Expansionismus Europas: Seine italienischen Anfänge im Spätmittelalter
 
Für das Jahr 1291 enthalten die Annalen der Seestadt Genua einen Eintrag über den ersten bezeugten Versuch des mittelalterlichen Europa, vom Abendland aus auf dem Seeweg nach »Indien« zu gelangen. Andere Entdeckungs- und Handelsreisen unter italienischen Vorzeichen folgten. Ohnehin spielten italienische Kaufleute und Seefahrer in portugiesischen und spanischen, später auch in englischen und französischen Diensten eine überragende Rolle bei den frühen Entdeckungsreisen. Mindestens ebenso entscheidend war italienisches Kapital. Von Bedeutung war außerdem das geographische und nautisch-technische Wissen der Italiener. Handelsrevolution und nautisch-technische Revolution hingen wiederum eng zusammen mit jenen geistigen Umwälzungen zu Beginn des neuzeitlichen Europa, die als »Renaissance« und »Humanismus« bekannt sind und deren Wiege ebenfalls in Italien stand.
 
 
Das Entdeckungszeitalter wird vielfach mit dem historischen Epochenbegriff der Renaissance in Zusammenhang gebracht, sei es auch nur, um die kühnen Taten der Entdecker und Eroberer und ihr Streben nach Ruhm mit dem neuzeitlichen Typus des »Renaissancemenschen« zu umschreiben. Tatsächlich ist dies nur ein Aspekt. Insgesamt entwickelte sich in jener Epoche ein Bild vom Menschen und seiner Umwelt, das durch ein neues Selbstbewusstsein bestimmt war. Streben nach wirtschaftlichem Gewinn, sozialem Aufstieg und politischer Macht zeichnen diesen »neuen Menschen« ebenso aus wie das Streben nach neuen Erkenntnissen und nach der Entdeckung fremder Horizonte. Mit seinen bis ins 10. Jahrhundert zurückreichenden Wurzeln und seiner Ausbreitung in Europa bis zum 16. Jahrhundert stellt dieser Umbruch nur bedingt eine Revolution dar, sondern eher eine Periode des Übergangs. Aufs Ganze betrachtet resultierte aus ihm jedoch eine neue historische Epoche, die mit jahrhundertealten Denktraditionen brach und ein verändertes Welt- und Menschenbild hervorbrachte.
 
Grundlage und zugleich Medium dieses Wandlungsprozesses war die Klassik der griechischen und römischen Antike. Die Beschäftigung mit der griechischen und lateinischen Literatur bestärkte das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ermutigte Kritik und regte neue Fragestellungen an. Den Zugang zur Antike fanden die Humanisten zunächst über die lateinischsprachigen Autoren. Latein war auch die Sprache an den neu gegründeten Universitäten, und die lateinischen Klassiker standen auch anfangs im Mittelpunkt jener zentralen Idee, die die Bildungsrevolution ausmachte: der Erkenntnis und Wertschätzung der Würde des Menschen als eines Lebewesens mit Verstand, Gefühlen, Willen und mit dem Recht, von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Leonardo Bruni in Florenz verwendete um 1400 erstmals das Wort humanitas zur Bezeichnung der neuen Bildung, und in Giovanni Pico della Mirandolas »Rede über die Würde des Menschen« (um 1486) fand das individualistische Menschenbild des Renaissance-Humanismus seinen vollkommensten Ausdruck. Zugleich wurde Ende des 14. Jahrhunderts durch die Vermittlung byzantinischer Gelehrter in Italien auch das Studium des Griechischen angeregt, dessen Früchte neben der Übersetzung der Werke der griechischen Tragödien- und Komödiendichter die Platon- und Aristotelesrezeption sowie zu Anfang des 15. Jahrhunderts die Übertragung der für das Entdeckungszeitalter so grundlegenden Werke des alexandrinischen Astronomen, Mathematikers und Geographen Ptolemäus ins Lateinische waren. Antike Vorbilder bestimmten seit dem späten 12. Jahrhundert auch zunehmend die Regeln für die darstellende Kunst. Die Sichtweise des humanum führte so zu einer intensiven Beschäftigung mit der Perspektive, der Naturtreue und dem nackten Körper. Dieses Studium der menschlichen Anatomie, das die Grundlage für die moderne Medizin bildete, förderte nicht nur die Erfindung neuer Instrumente, sondern unterstrich auch den Anspruch, Fragen an die Natur zu stellen und sie experimentell zu beantworten. Eine Betrachtungsweise, die das mündige und selbstverantwortliche Individuum in den Mittelpunkt stellte, das mittelalterliche Verbot der Neugier aufhob und die Einheit von Glauben und Wissen zugunsten von Naturbeobachtung, Erfahrung und Experiment aufgab, wurde somit auf alle Bereiche der Geistes- und Naturwissenschaften übertragen. Frage, Hypothese und Experiment bzw. Suche bilden seither das unverzichtbare geistige Instrumentarium Europas. Dieser Wunsch nach neuen Erfahrungen und Entdeckungen sowie das grundsätzliche Interesse am Fremden und Exotischen erlaubten es nun zudem, andere Völker und Menschen unbefangener wahrzunehmen. Auch das Wissen über die Erdoberfläche suchte man zu erweitern. So ermöglichten die kritischen Übersetzungen der Texte des Ptolemäus und Strabons die Ausmessung der Erdkugel und die eindimensionale Darstel- lung der Erdoberfläche. Alles in allem suchten eine humanistisch inspirierte Geographie, Kartographie und Enzyklopädik, das Wissen der Alten mit den Erkenntnissen der Moderne in Einklang zu bringen.
 
Dieser sich von Italien über ganz Europa ausbreitenden geistigen Umwälzung lagen zentrale materielle Bedingungen zugrunde. Denn die neuen mentalen Dispositionen standen in wechselseitiger Abhängigkeit vom Wachstum der Bevölkerung, der Ausweitung des Handels und dem Anwachsen der Städte. Humanisten, Literaten und Künstler waren zumeist Stadtbewohner, und zu ihren Gönnern gehörten das neue, mächtige Bürgertum und die am Handel partizipierende Aristokratie. Dabei lag der Schwerpunkt der politischen Veränderungen (politische Renaissance) zunächst in Italien.
 
Etwa seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert setzte in den oberitalienischen Stadtstaaten jener gesellschaftliche Wandel ein, der zur Grundlage neuer politischer Entwicklungen führte, wobei auch hier die attische polis und die römische res publica die argumentativen Vorbilder lieferten. Eine reich gewordene Schicht von bürgerlichen Laien und stadtsässigem Adel nahm allmählich die Geschicke der Politik in die Hand und füllte das Verlangen nach persönlicher und kommunaler Freiheit mit »demokratischen« Inhalten. Rechtsstaatlichkeit, Gewaltentrennung, Machtbegrenzung, Minderheitenschutz und Parteienpluralismus, Wahl- und Rotationsprinzip — diese neuzeitlichen politischen Forderungen waren in den italienischen Kommunen vorgeformt oder zumindest vorgedacht, ohne dass man allerdings zu dieser Zeit von einer modernen Demokratie sprechen könnte. Ohnedies setzte schon bald der Übergang von der republikanisch-freien Kommune zur autoritär-tyrannischen signoria ein. Schließlich legitimierten die neuen Potentaten ihre Herrschaft nicht zuletzt durch das Bestreben, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. In Frieden arbeiten und Handel treiben zu können war aber nicht zum wenigsten eine der Voraussetzungen des gleichzeitig in Gang gekommenen kapitalistischen Prozesses.
 
 Die Handelsrevolution
 
Zu den wichtigsten Folgen der politischen und sozialen Veränderungen, die sich seit dem 11. Jahrhundert in Italien vollzogen, gehörte die Entstehung eines selbstständigen Kaufmannsstandes. Bei der Entwicklung neuer Organisationen, Instrumente und Ideen, die seinen Aufstieg kennzeichnen, haben möglicherweise Einflüsse aus der byzantinischen und islamischen Welt mitgespielt. Dennoch liegen die Anfänge des modernen europäischen Kapitalismus, aber auch des europäischen Expansionismus in Italien.
 
Ausgangspunkt für die kommerzielle Revolution war die Verfügbarkeit von Kapital. Dieses lag im Mittelalter fast ausschließlich in den Händen der Agrararistokratie und der Kirche. Händler und Handelskaufleute standen in einem geringen Ansehen, und erworbenes Vermögen diente in erster Linie dazu, um in die Aristokratie aufzusteigen. Allmählich wurden jedoch größere Kapitalien verfügbar, zum einen aus den üblichen feudalen Quellen und aus dem Vermögen der vom Handel angelockten städtischen Aristokratie, zum anderen aus den Expeditionen der Fernhändler.
 
Um mit diesen Kapitalien »international« arbeiten zu können, mussten sie mit anderen Währungen tauschbar sein. Der Transferierbarkeit von Kapital diente der Übergang zur Goldwährung, die nunmehr die vorher in Europa dominierende Silberwährung ablöste. Vor allem verlangte der islamische »Handelspartner« Gold. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden in Genua die ersten Goldmünzen geprägt, seit der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zahlte man in Italien mit Goldmünzen, seit dem 14. Jahrhundert in ganz Europa.
 
Vielleicht noch entscheidender für den Aufbau des schließlich weltumspannenden Handelsnetzes war, dass sich das mitgeführte Bargeld in zunehmendem Maße durch Kredite und Wechsel ersetzen ließ. Der Kredit sollte dem chronischen Mangel an Kapital abhelfen, vor allem jedoch Geld an jedem Ort verfügbar machen. Kredite waren gemeinhin knapp. Außerdem lagen auf ihnen geradezu wucherische Zinsen. Zinsen wiederum standen unter dem Verdikt der Kirche. Scholastisches Denken hatte allerdings das kanonische Zinsverbot schon früh ausgehöhlt. So begann man zwischen Wucher und Zins zu unterscheiden und Letzteren zu gestatten, wenn das Darlehen für den Geldgeber mit einem Risiko verbunden war. Zudem sanken in dem Maße, in dem Risiken und Gewinne zurückgingen, die Zinsen. Hatten sie auf Handelsdarlehen im 12. Jahrhundert in Venedig noch über 50 Prozent betragen, so beliefen sie sich Ende des 13. Jahrhunderts oft auf weniger als 10 Prozent.
 
Der Kredit gab dem Geld eine Art Allgegenwart. Vor allem stellte er eine Vertrauensbekundung dar. Beide Funktionen erfüllte auch der im 13. Jahrhundert in Italien aufgekommene Wechsel. Er erlaubte einen bargeldlosen Geschäftsverkehr. Eng verbunden mit Zins und Wechsel war die Entstehung des modernen Bankwesens. Die Banken ermöglichten nicht nur bargeldlose Überweisungen, sie gestatteten ihren Kunden auch, ihr Konto zu überziehen, während sie selbst mit dem deponierten »Buchgeld« zu arbeiten begannen. Eine andere Wurzel des modernen Bankwesens waren die Einnahmeverpachtungen, Zwangsanleihen und Staatsverschuldungen, die in Krisenzeiten auf enorme Höhen anstiegen.
 
Diese Veränderungen in der Geldpolitk wurden begleitet von Neuerungen im Handelswesen. Wichtigstes Ziel war die Verlagerung des kaufmännischen Risikos auf mehrere Schultern und die Ausweitung des Geschäftsbereichs. Letzterem diente die Möglichkeit der Stellvertretung. Die Prokura, die vom Inhaber des Handelsgeschäfts auf Vertreter übertragene handelsrechtliche Vollmacht, erlaubte es dem Kaufmann, persönlich oder in Vertretung an vielen Orten gegenwärtig zu sein. Dem gleichen Zweck dienten auch die neu entstehenden Handelsgesellschaften, sei es in Form der Kommende oder der Gesellschaft. Während in der Kommende ein reisender, am Gewinn beteiligter Kaufmann hinzutrat, stellte die Gesellschaft einen Zusammenschluss von Personen dar, die bestimmte Kapitalien auf eine begrenzte Dauer einbrachten und im Maße ihrer Einlagen an Gewinn und Verlust beteiligt waren und kam damit eher dem Landhandel entgegen.
 
Zu einer Rationalisierung des Geschäftsbetriebs trug die gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Florenz nachgewiesene, möglicherweise aber schon weit früher entstandene doppelte Buchführung bei. Sie erlaubte durch die doppelte Eintragung der Geschäftsbewegungen — auf einer Haben- und auf einer Sollseite —, Gewinn und Verlust jederzeit ersichtlich zu machen und Bilanz zu ziehen. Für den reibungslosen Geschäftsablauf sorgten ferner Geschäftsordnungen und hilfreiche Kaufmannshandbücher.
 
Mittelpunkt all dieser Entwicklungen war die Stadt. Bei einer rasanten Zunahme der Bevölkerung entwickelte sich hier gleichzeitig eine neue Lebensweise, mit der eine zunehmende Wertschätzung des Geldes und des Reichtums bei gleichzeitiger Kritik am untätigen adligen Leben einherging. Im Zentrum dieser frühkapitalistischen Kultur stand der zeitgenössische Satz: »Zeit ist Geld«. Die Kehrseite des Aufschwungs war eine zunehmende soziale Differenzierung in ein reiches Patriziat und wohlhabendes Bürgertum einerseits und arme Unterschichten andererseits. Erste Aufstände waren Ausdruck sozialer Unzufriedenheit.
 
Trumpfkarte der Italiener war der Fernhandel. Auf ihm beruhte nicht nur der Reichtum der oberitalienischen Seerepubliken Venedig und Genua, er legte auch den Grundstein für das erste Kolonialreich der modernen europäischen Expansionsgeschichte. Im 12. Jahrhundert hatten Venezianer und Genuesen zunächst in vielen muslimischen Häfen des Mittelmeeres, im Byzantinischen Reich und in den Kreuzfahrerstaaten durch Zollbefreiungen und andere Privilegien bevorrechtigte Warenlager und Handelsstützpunkte erhalten. Im 13. Jahrhundert entstand vornehmlich im östlichen Mittelmeer und am Schwarzen Meer ein ausgesprochenes Kolonialreich, das sowohl auf dem Austausch von Handelsgütern als auch auf der Anlage von Plantagen, vor allem für den Anbau von Zucker mithilfe von Sklaven, beruhte. Das Netz von Warenlagern und festen Kolonien erstreckte sich bei den Genuesen vom muslimischen Spanien über Persien bis nach China, während die Venezianer vor allem das östliche Mittelmeer beherrschten. Im nördlichen Atlantik fuhren venezianische und genuesische Schiffe bis nach Flandern und England, im südlichen bis an die Küsten Marokkos. Gehandelt wurde mit allem, was zwischen Newcastle und Peking zu finden war, an der Spitze orientalische Gewürze und Seide. Die Gewinnspannen im Fernhandel waren enorm. Profite zwischen 300 und 1000 Prozent waren keine Ausnahme. Auf diesen Gewinnen beruhte nicht zuletzt der Reichtum Venedigs und Genuas. Hierzu ein Beispiel: Im Jahre 1293 wurde der Wert der steuerpflichtigen Waren, die im Hafen von Genua eingingen, auf 3822000 genuesische Pfund geschätzt. Im gleichen Jahr betrugen die Einnahmen des französischen Königreichs nur ein Drittel dieser Summe.
 
 Schiffsbau, Kartographie, Navigation
 
Die im 15. Jahrhundert beginnende maritime Expansion stellt einen der folgenreichsten Prozesse der Weltgeschichte dar; denn »Seeherrschaft« bedeutete bis ins 20. Jahrhundert nicht nur einen machtpolitischen Vorsprung gegenüber konkurrierenden Mächten in Europa, sondern auch eine Vorherrschaft im Welthandel und in der Weltbeherrschung. Neben Risikobereitschaft und der Überwindung psychologischer Barrieren gehörten eine Reihe weiterer Voraussetzungen zur damaligen Seefahrt. In Festlandnähe war dies die Kenntnis der Küstenlinien, vorgelagerter Inseln und Riffe, auf dem Meer benötigte man hochseetüchtige Schiffe, Erfahrung mit den Wind- und Meeresströmungen sowie ihrem jahreszeitlichen Verhalten. Von entscheidender Bedeutung war indessen die Bestimmung der Schiffsposition.
 
Lösungen für diese Probleme wurden in drei Bereichen gesucht: im Schiffsbau, in der Kartographie und in der Schifffahrtskunde (wissenschaftliche Navigation). Wegbereiter des Fortschritts waren nicht mehr allein die Italiener. Namentlich die Iberer entwickelten ihr eigenes Know-how, wobei viele technische Neuerungen der Europäer vor allem auf Chinesen und Araber zurückgingen. Sie wurden indessen von den Europäern weiterentwickelt, eigenständige Erfindungen kamen hinzu (nautisch-technische Revolution).
 
 Von der Galeere zur Galeone
 
Traditioneller Schiffstyp im Mittelmeer war die Galeere. Sie wurde gerudert, besaß aber eine zusätzliche Besegelung. Eine Weiterentwicklung erfolgte — wie bei der im Nordseeraum seit dem 12. Jahrhundert verwendeten einmastigen Kogge — durch die Verlegung des Ruders von der rechten Seite (Steuerbord) zum Heck, durch einen geraden statt eines gewölbten Kiels sowie Aufbauten an Bug und Heck. Im 14. Jahrhundert trat die Karacke als großes Segelschiff an die Stelle der Galeere. Ihr besonderes Kennzeichen war die Kombination des traditionellen viereckigen Rahsegels mit einem — von den Arabern übernommenen — dreieckigen Lateinsegel, was die Wendigkeit erhöhte. Auch besaß die Karacke bereits mehrere Masten und konnte eine Ladung von mehr als 1000 Tonnen aufnehmen. Sie diente den Portugiesen anfangs für ihre Indien- und Ostasienfahrten. Wesentlich kleiner, dafür schneller und wendiger war die Karavelle (carabela). Dreimastiger Standardtyp mit Rahsegeln an Fock- und Großmast und Lateinsegel am Besanmast war die carabela redonda. Die Karavelle wurde von den Portugiesen bei ihren Afrikafahrten sowie zur Sicherung ihrer Konvois verwendet. Reines Transportschiff war die Naue, ein besonders stabiles Schiff mit vier bis fünf Decks, das eine Ladung von bis zu 2000 Tonnen an Bord nehmen konnte. Entscheidend war, dass die seit dem 14. Jahrhundert mit Kanonen bestückten Segelschiffe der Europäer ihre asiatischen Konkurrenten an Kampfkraft übertrafen. Am Ende dieser Entwicklung stand die von Spaniern und Portugiesen gebaute Galeone, ein hochbordiges Kriegs- und Handelsschiff von etwa 800 Tonnen mit drei bis fünf Masten. Sie diente u. a. als Begleitschutz bei den portugiesischen und spanischen Konvois nach Amerika und Asien. Die Galeone war auch Vorbild der späteren Ostindienfahrer der Holländer und Engländer.
 
 Von den Portolanen zur Mercatorprojektion
 
Zunehmende Wichtigkeit für die Hochseefahrten erlangten die Seekarten und Segelhandbücher, die die Erfahrungen früherer Fahrten enthielten. Völlig unbrauchbar für die Schifffahrt waren die mittelalterlich-christlichen, die Welt als Scheibe darstellenden Karten (mappae mundi), zumal für jeden Seemann die Kugelgestalt der Erde augenfällig war. Mit der Weltumsegelung durch Magalhães und Elcano (1519—22) war sie auch faktisch bewiesen. Nützlich waren dagegen Ptolemäus' Anleitung zur Anfertigung von Karten und die Angaben in seiner »Geographia«, die u. a. die Längen- und Breitengrade von rund 300 Städten, bestimmt vom alexandrinischen Meridian aus, enthalten, sowie sein Handbuch der mathematischen Astronomie (»Almagest«). Diese Daten flossen wiederum ein in die Portolane.
 
Portolane waren Seefahrerhandbücher des Mittelalters, die Küstenbeschreibungen in fortlaufender Folge enthielten. Zu ihnen gehörten Portolankarten, auch Rumben- oder Windstrahlenkarten, um 1300 in Italien entstandene, genordete Karten, auf denen die entsprechenden Gebiete sowie Häfen, Ankerplätze und zum Teil auch Entfernungen eingetragen waren. Außerdem waren auf ihnen mehrere miteinander verbundene Windrosennetze eingezeichnet. Mit ihrer Hilfe ließ sich zumindest der Kurs und — bei maßstabgerechter Karte — auch die Entfernung festlegen. Sie waren in küstennahen und ruhigen Gewässern (Mittelmeer) durchaus brauchbar. Nach den Erfahrungen bei der Afrikaumrundung wurden sie von den Portugiesen weiterentwickelt.
 
Als Problem für die Navigatoren blieb die Krümmung der Erde. Hier schuf die Mercatorprojektion Abhilfe. Diese für die Belange der Seefahrt von Gerhard Mercator 1569 mit geometrischen Mitteln entwickelte und später von Edward Wright mathematisch exakt bestimmte Projektionsart erlaubt es, die Krümmung der Erdoberfläche auf planen Karten zu berücksichtigen, das heißt den Schiffskurs als gerade Linie darzustellen. An die Stelle der Portolankarten traten Karten in rechteckiger Form mit einem Netz von Längen- und Breitengraden, das nun viel präziser die Proportionen der Erde darstellte.
 
 Vom Quadranten zum Sextanten
 
Die traditionelle Navigation beruhte darauf, dass sich der Kapitän möglichst nahe an der Küste hielt, sich an bestimmten Landmarken orientierte und auf seine Erfahrung mit Strömung, Winden und Gestirnen vertraute. Einziges Instrument war das Lot zur Tiefenmessung. Zur wichtigsten Neuerung im 13. Jahrhundert wurde der Kompass, für den sich erste Erwähnungen bereits im 11. und 12. Jahrhundert finden. Er dürfte mit einiger Sicherheit von den Chinesen über Inder und Araber nach Europa gelangt sein. Im 14. Jahrhundert gehörten Kompass, Log oder Logleine, Sanduhr und Koppeltafeln zur Berechnung der Abweichung zwischen optimalem und tatsächlich gesegeltem Kurs sowie Seeroutenbeschreibungen zum Rüstzeug des Schiffsführers. Die Art der Navigation bestand darin, dass mit dem Kompass die Richtung festgelegt und mithilfe von Log und Sanduhr die zurückgelegte Strecke berechnet wurde. Das geknotete Log — daher der Ausdruck »Knoten« für die Schiffsgeschwindigkeit — war erst seit dem 16. Jahrhundert in Gebrauch. Seit dieser Zeit führten portugiesische und spanische Schiffe auch gedruckte Deklinationstabellen mit, die die Bewegungen der Himmelskörper in ihrem zeitlichen Ablauf festhielten.
 
Wichtigstes Problem war und blieb die Standortbestimmung auf See. In der traditionellen Navigation ergab sich die Position ungefähr aus Richtungs- und Geschwindigkeitsangaben. Für eine exakte Ortsbestimmung war indessen die Kenntnis von Längen- und Breitengraden vonnöten. Eine Methode zur genauen Festlegung des Längengrades zur See gab es aber bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nicht, da hierzu die Kenntnis der jeweiligen Ortszeit und der Zeit eines Nullmeridians notwendig ist. Die Lösung bestand schließlich in der Erfindung des Schiffschronometers. Von daher konzentrierten sich für fast 300 Jahre die Bemühungen auf die Berechnung der Breitengradposition des Schiffes.
 
Grundlage für die Bestimmung des Breitengrades war der Stand geeigneter Fixsterne. War dies auf der nördlichen Erdhalbkugel der Polarstern, nahm man auf der südlichen Halbkugel die Mittagshöhe der Sonne zum Ausgangspunkt. Dazu bedurfte es allerdings komplizierter Berechnungen. Die Portugiesen lösten das Problem gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Überdies erlaubte es die Weiterentwicklung und Erfindung immer präziser arbeitender Instrumente, die Fehlertoleranz bei der Breitengradbestimmung von etwa 111 km bis auf eine nautische Meile (1,852 km) einzugrenzen.
 
Am Anfang der neuzeitlichen Seefahrt stand der Seequadrant. Im Gebrauch war er frühestens seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Mess(un) genauigkeit lag bei einem Grad gleich 111 km. Nur unwesentlich genauer war das Seeastrolabium. Es war über die Araber nach Europa gelangt und seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert gebräuchlich. Wahrscheinlich auf jüdische Gelehrte in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts geht der Jakobsstab zurück. Nach 1500 wurde er zunächst in der portugiesischen Schifffahrt üblich, im 16. Jahrhundert war er das wichtigste und genaueste Instrument überhaupt. Die durch die Sonnenblendung sich ergebende Messungenauigkeit beseitigte seit Ende des 16. Jahrhunderts der Davisquadrant. Auf der in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts entdeckten Spiegelreflexion beruhte die Weiterentwicklung zum Oktanten. Seit den 1740er-Jahren ist er auf holländischen Schiffen nachgewiesen. Mithilfe des aus dem Oktanten abgeleiteten Sextanten sowie des Marinechronometers gelang in den Fünfzigerjahren des 18. Jahrhunderts auch die Bestimmung des Längengrades.
 
Die Probleme der Hochseeschifffahrt stellten eine Herausforderung für die gesamten an ihrer Lösung beteiligten modernen Naturwissenschaften — Astronomie, Physik, Mathematik und Geographie — dar; insofern bedeutete dieser Modernisierungsschub einen enormen Impuls für das Know-how Europas und zugleich für dessen Vorsprung in der Moderne. Mit der Beherrschung der Meere erschienen europäische Schiffe an allen Küsten der Erde. Die Folge waren: koloniale Herrschaft, Handelsdominanz, Kulturimperialismus.
 
Prof. Dr. Horst Gründer
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Europa zwischen Mittelalter und Neuzeit: Die Globalisierung eines Kontinents
 
 
Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion, herausgegeben von Eberhard Schmitt. Auf 7 Bände berechnet. München 1984 ff.
 Favier, Jean: Gold und Gewürze. Der Aufstieg des Kaufmanns im Mittelalter. Aus dem Französischen. Hamburg 1992.
 Granzow, Uwe: Quadrant, Kompaß und Chronometer. Technische Implikationen des euro-asiatischen Seehandels von 1500 bis 1800. Stuttgart 1986.
 Mittermaier, Karl: Die Politik der Renaissance in Italien. Darmstadt 1995.
 Reinhard, Wolfgang: Geschichte der europäischen Expansion. 4 Bände Stuttgart u. a. 1983-90.
 Schmitt, Eberhard: Die Anfänge der europäischen Expansion. Idstein 1991.

Universal-Lexikon. 2012.

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